
Der Blick des einen auf den anderen.
Deutsche und französische Reiseberichte (16.-19. Jahrhundert)
Dies ist ein deutsch-französisches Thema, das uns in den Bereich einer historischen Kulturanthropologie Westeuropas hineinführt. Ja, gewinnen wir nicht sogar einen Einblick in die Kulturgeschichte Westeuropas, wenn wir die zahlreichen Reiseberichte - etwa 15.000 in deutscher Sprache über Frankreich! - und andere, nah verwandte Quellen ins Auge fassen? Disziplinübergreifend ist die Arbeit mit diesen Dokumenten allemal: Germanisten, Romanisten, Geographen, Soziologen, Ethnologen und gerade Historiker unterschiedlicher Fachausrichtung (Wirtschafts-, Sozial-, Mentalitäts-, Kulturhistoriker u.v.m.) finden in diesem äußerst heterogenen Material eine Informationsmasse, die allerdings nicht leicht zu erschließen und zu gewichten ist. Eine Crux der seit wenigen Jahren wiederentdeckten Kulturgeschichte ist die Schwierigkeit, deren Ziele und Grenzen klar zu definieren [1].
Fragen wir zunächst einmal nach der Bedeutung des Reisens in der Geschichte, so stellen wir fest, dass der Reiseverkehr von jeher eine der wichtigsten Voraussetzungen und Ebenen für kulturelle Transferprozesse darstellte. Dabei hat man zwischen verschiedenen Ebenen und Reiseformen zu unterscheiden. Es gab die private, briefliche Korrespondenz, das Tagebuch, die öffentliche Informationsvermittlung über das Buch oder die Zeitschrift, sowie die intendierte, zeitlich begrenzte geographische Mobilität von Personen, die Geschäftsreise, die Pilgerreisen - denken wir an jene des Mittelalters nach Santiago de Compostela, nach Rom oder ins Heilige Land, die jedes Jahr abertausende Menschen auf die Straßen, bzw. Wege warfen -, schließlich die Kavalierstour des Adligen, die literarische Reise des Schriftstellers (Goethe in Italien!), die des Künstlers, des Bildhauers oder des Architekten, die Bildungsreise des reichen Bürgers oder die Gesellenwanderung des Handwerkers, ganz zu schweigen von den Migrationen der einfachen Menschen, die aus verschiedenen Gründen (wie Krieg, Epidemien, schlechtes Klima, Mißernte, Hunger, Arbeitssuche, usw.) ihr Heil in anderen Gebieten suchen mußten - und meistens nicht fanden. Leider bleibt ihr Schicksal uns Historikern jedoch allzu oft verschlossen, obschon sie sehr wahrscheinlich den größten Teil der „reisenden“ Menschen in Europa bildeten. Weil diese Mobilität in Zeiten geschah, in denen mediale Kommunikationsstrukturen extrem unterentwickelt waren, ist ihre Bedeutung auf die informationsarme, in sich geschlossene Gesellschaft kaum zu überschätzen. Und wenn man speziell an die Migrationen des gemeinen, unschriftlichen Volkes der Handwerker, der Tagelöhner, der Bettler, Gaukler und Vagabunden [2] denkt, dessen Kommunikationsform ausschließlich über Wort und kollektives Gedächtnis stattfand, so war die Rolle der wiederkehrenden Emigranten noch weitaus bedeutender innerhalb der ländlichen Gesellschaft, die dadurch vielleicht gar nicht so immobil war, wie man lange Zeit annahm [3]. Ich habe z.B. versucht, diese Problematik für die rheinische Gesellschaft in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts darzustellen, indem ich die Rolle der rund 40.000 zurückkehrenden Veteranen aus den napoleonischen Kriegen untersuchte. Es scheint mir plausibel anzunehmen, dass die erstaunlich schnelle Akzeptanz der bisher territorial und sozial stark zersplitterten rheinischen Gesellschaft zur Integration in die preußische Nation nach 1815 durch die französische Besatzungszeit rasant beschleunigt worden ist, und dies u.a. gerade aufgrund der Veteranen als Mittler zwischen ihrer dörflichen Welt und der „großen“ Welt Europas, deren Staaten sie unter Napoleons Fahnen erstürmt und zerstört haben [4]. Gegenüber dieser nahezu exklusiv mündlich kommunizierenden Gesellschaft wird der Historiker zum Ethnologen und kann durchaus auf die Forschungen dieser Nachbardisziplin zurückgreifen, um in den Bereich der „Oral History“ vorzustoßen. Diese vornehmlich schriftlose Gesellschaft Europas ist folglich nicht ein Volk ohne Geschichte; nur verlangen dessen spezifischen Lebensformen vom Historiker, andere Methoden anzuwenden.
Kommen wir wieder zurück in die Welt der Schriftlichkeit, die dem Historiker vertraut ist. Wie bereits angedeutet, verfügen wir mit der im weitesten Sinn verstandenen Reiseliteratur über einen gewaltigen Textkorpus, den man auf über 15.000 Titeln veranschlagt [5]. Es versteht sich von selbst, dass deren Wert von äußerst unterschiedlicher Qualität ist. Es gilt hierbei, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber nach welchen Kriterien? Ein Literaturwissenschaftler stellt zwangsläufig andere Fragen als ein Historiker. Selbst Historiker gewichten die Werke unterschiedlich. Ein Agrarhistoriker liest mit gewinnbringendem Interesse die häufig präzisen Ausführungen des englischen Agronomen Arthour Young (1741-1820) über das vorrevolutionäre, zutiefst agrarische, gegenüber England oft rückständige Frankreich der Jahre 1787-1789, während ein Religionshistoriker sicherlich die Beschreibungen des Züricher Theologen Johann Georg Fisch vorzieht, weil dieser in den gleichen Jahren die calvinistischen Gebiete Südfrankreichs besucht hat [6], wie ausserdem viele seiner leider anonym gebliebenen Glaubensgenossen im 18. Jahrhundert, die besonders den unterdrückten Hugenotten der Cévennen moralischen und theologischen Beistand leisteten. Fisch reiste in Gebiete, die damals als unwirtlich und wild empfunden wurden. Sie lagen abseits der üblichen Handels- und Reiserouten, in die sich kaum ein Fremder vorwagte. Bei der Lektüre der Reiseliteratur fällt immer wieder auf, dass die Reise ein Springen von einer Stadt zur anderen ist, u.a. auch deshalb, weil die Hotels und Herbergen, von Engländern meist als schlecht und schmutzig beschrieben, sich in ihren Mauern befinden. Zwischen den Städten, den „Inseln der Zivilisation“, erstreckt sich ein Niemandsland, das von den Reisenden einfach nicht wahrgenommen wird. Kulturgeschichtlich von Interesse ist die Beobachtung, dass das ländliche Frankreich und Europa nicht oder kaum zu existieren scheinen, wie im übrigen das einfache Landvolk, dessen Sprache, bzw. Dialekt, und Lebensweise den gebildeten Fremden vollkommen unverständlich ist und für sie daher bedrohlich wirkt. Dieses Verhältnis ändert sich nur langsam im Laufe des 19. Jahrhunderts im Gefolge der Spätromantik, die den Landmann dann sogar idealisiert, wie z.B. Honoré de Balzac (1799-1850) oder George Sand (1704-1876) in ihren Romanen [7]. Wegen des Desinteresses, wenn nicht wegen der Furcht vor dem flachen Land griffen spätere deutsche Languedoc-Reisende gerne auf Fisch zurück, wie z.B. der Würzburger Professor Christian August Fischer im Jahre 1804 oder sogar der deutsche Revolutionär und Emigrant Moritz Hartmann im Jahre 1851 [8]. Aber bleiben wir noch kurz bei den Hugenotten und heben ihre Rolle in den deutsch-französischen Beziehungen seit dem Ende des 17. Jahrhunderts hervor. Sie erschöpft sich nicht allein in einigen uns überlieferten Reisebeschreibungen wie die von Fisch. Nahe und entfernte Abkömmlinge von südfranzösischen Hugenotten haben eine eminent wichtige Rolle in der Kultur Deutschlands gespielt. Allgemein bekannt sind z.B. Alexander und Wilhelm von Humboldt, deren Mutter aus dem calvinistischen Nîmes stammte. Oder auch Theodor Fontane. Weniger bekannt, aber dafür umso bewegter, ist das Leben und die Karriere des Brandenburgers Charles-Guillaume Théremin (1762-1841), der seit der Französischen Revolution von der preußischen zur französischen Diplomatie wechselte, ehe er sich als einflußreicher Publizist betätigte [9]. Aber wieviele der etwa 150.000 Hugenotten [10], die aus dem katholischen Frankreich der letzten drei Monarchen seit 1685 geflohen sind, bleiben uns auf immer unbekannt und verhindern, das reelle Ausmaß des menschlichen und kulturellen Transfers zu bemessen? Zweifellos gab es während des ganzen 18. Jahrhunderts intensive Beziehungen zwischen den Kalvinisten beider Länder; z.B. studierten zahlreiche junge Männer aus den Cévennen an deutschen Universitäten Theologie, u.a. in Heidelberg, während umgekehrt viele deutsche und schweizer Theologen ins südliche „désert“, in die Wüste kamen, um den pastorlosen Gläubigen die orthodoxe kalvinistische Religion zu lehren. Diese Unterstützung hat sich so tief ins kollektive Gedächtnis der südfranzösischen Hugenotten eingegraben, und zwar dank einer, heben wir es hier besonders hervor, intensiven mündlichen Überlieferung, die Philippe Joutard meisterhaft freigelegt hat [11], dass selbst ihre entfernten Nachfahren des 20. Jahrhunderts sich ihrer erinnerten und wie ihre Vorfahren zur Zeit der französischen Könige handelten: während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich (1942-1944) haben viele Familien deutsche Flüchtlinge aufgenommen und versteckt. Zwar waren viele unter ihnen Protestanten, aber ebenso Katholiken und Juden, wovon einige sogar einen bewaffneten, exklusiv deutschen Widerstandskreis innerhalb der in den Cévennen sehr aktiven französischen Résistance gebildet hatten [12].
Die Reisebeschreibung blieb lange Zeit ein Stiefkind sowohl der Geschichtswissenschaft als auch der Literaturwissenschaft. Letztere hielt sie für eine Gattung minderer Qualität und ordnete sie der Trivialliteratur zu. Robert Prutz nannte sie sogar „Klatschliteratur“ und „Auskehricht der gesamten Literatur» [13], wobei er vergaß, dass viele der großen Schriftsteller (Herder, Goethe, Hölderlin, usw., Voltaire, Rousseau, Stendhal, Hugo, usw.), reelle wie fiktive Reisebeschreibungen aufs Papier gebannt haben. Inzwischen haben sich jedoch die Fragen an die Vergangenheit geändert. Ist die Geschichtswissenschaft nicht, wie einmal prägnant formuliert wurde, „eine Diskussion ohne Ende“?
Das Reisen und die daraus entstehende Reiseliteratur nahm im 18. Jahrhundert ein phänomenales Ausmaß an, wenn man dem „Teutschen Merkur“ 1784 Glauben schenkt. Dort steht: «In keinem Zeitalter wurde so viel gereist, als in dem unsrigen, wo das Reisen zu einer Art Epidemie geworden ist. [14]» Sollte das Reisen ein wirkliches gesellschaftliches Phänomen geworden sein, so können sich Historiker aufgerufen fühlen, diesem nachzugehen, was auch in den letzten zwanzig Jahren geschah. Aber wurde da vielleicht nicht journalistisch übertrieben? Wohl in der Wortwahl, aber nicht in der Realität. Seit 1760 entwickelt sich die Buchindustrie entscheidend, wie auch das Straßen- und Postwesen, die wiederum den Waren- und Menschenverkehr erleichtern. Mittlerweile bilden die Reisebücher den Löwenanteil auf dem deutschen Buchmarkt. Deutschland ist um 1784 der Hauptkonsument der Reisebücher in Europa. Die Bestände in den Bibliotheken der Lesegesellschaften, die ebenfalls wie Pilze aus dem Boden sprießen, enthielten häufig bis zu 80 % Reisebücher [15], Zeichen eines populären Votums für diese Gattung. Auch große private Bibliotheken zeugen vom Geschmackswandel. Vor allem Romane, aber auch philosophische und geographische Abhandlungen erobern die Regale, die bisher meist mit erbaulich-religiöser Literatur bestückt waren. Ein allgemeiner Wissenshunger über andere Länder erfaßt immer weitere Kreise der Gesellschaft; diese Nachfrage stimuliert wiederum den unaufhaltsamen Aufschwung der Reiseliteratur.
Der Anteil der Reiseliteratur an der gesamten Buchproduktion stieg zwischen 1740 und 1800 von 1,86 % auf 4,51 %. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren etwa 5000 bis 6000 Titel erschienen [16]. Das zeitgenössische Bewußtsein drückt sich vielleicht in der Feststellung des Göttinger Professors Schlözer aus; dieser schrieb bereits 1771: «Wir Deutsche [!] reisen häufiger, als vielleicht irgend ein anderes Volk des Erdbodens: und diesen herrschenden Geschmack am Reisen können wir immer unsre National-Vorzüge zälen [!]. [17]» Diese frenetische Reiselust war seit kurzem von den Philosophen der Aufklärung und ihren Theorien über die Erziehung und Bildung ausgelöst worden. „Reisen bildet“ war nicht mehr allein das exklusive Motto für den jungen, oft noch minderjährigen Adligen, der seine Ausbildung seit etwa Mitte des 16. Jahrhunderts mit einer langen „Kavalierstour“ oder „Tour de l’Europe“ zu perfektionieren und zu beenden hatte. Hauptziele einer solchen Tour waren Italien und Frankreich. Diese war ja nicht billig: 1717 veranschlagte der Hofmeister Nemeitz 10.000 bis 12.000 Reichstaler für einen einjährigen, standesgemäßen Aufenthalt in Paris bei einer nicht allzu aufwendigen Lebensweise [18]. 1771 kam Schlözer auf ungefähr 40.000 Reichstaler «für einen jungen Herrn adelichen oder bürgerlichen Standes ..., der mit einem Hofmeister oder Reisegesellschafter, und einem Bedienten, die Mode-Reise nach Frankreich macht, sich lange in der Hauptstadt aufhält, einige Figur macht, und neben her - den ..., den ..., oder wenigstens den ..., etwas zu verdienen giebt» [19].
Mit der Ausdehnung des Bildungsideals der Reise auf die Bürgerschicht vollzog sich zwangsläufig auch eine Änderung ihrer Art, ihres Inhalts wie auch ihrer Reiseziele schlechthin. Undenkbar war weiterhin, dass ein Bürger, so reich er auch sein mochte, den Hof eines Herrschers besuchen konnte. Der Traum eines jeden deutschen Adligen, am Hofe des französischen Königs in Versailles eingeladen zu sein, realisierte sich ja nicht einmal für einen großen Teil dieser Schicht, mangels entsprechender hoher Geburt, mangels finanzieller Ressourcen und vor allem mangels persönlicher Kontakte mit den einflußreichen Höflingen, deren Empfehlungsschreiben die Türen öffnen konnte. Auch die Ritterakademien von Angers, Lunéville, Lyon, Orange, usw., oder die von Nancy, die besonders von dem deutschen Adel geschätzt wurde [20], standen sicherlich nicht im Reiseprogramm eines Bürgers. Auf jeden Fall war die adlige Reise durchaus auch ein „rite de passage“ im Sinne des Ethnologen Claude Lévi-Strauss, denn der Adelssprößling trat fortan in den Erwachsenenkreis der gebildeten Aristokraten ein. Von nun an galt er für fähig, verantwortliche Funktionen in der Familie und in den öffentlichen, dem Adel reservierten Ämtern zu übernehmen. Letztendlich war die Kavalierstour für den europäischen Adel ein wichtiger Ausdruck seiner sozialen und politischen Identität. Ist es ein Zufall, dass letztere im 18. Jahrhundert allmählich verfällt, als nämlich die klassische Kavalierstour aus der Mode gerät? Es beginnt die Zeit neuer Reisen und neuer Schichten, die nicht mehr dem starren Ritual der Adelsreise unterworfen sind.
Die jungen Adligen reisten außerdem nicht allein. Sie wurden von meist bürgerlichen Tutoren oder Hofmeistern begleitet. Diese Begleitpersonen und privaten Hauslehrer hatten in der Regel eine akademische Ausbildung, ohne sich sicher zu sein, eine vielversprechende Karriere einschlagen zu können. Deshalb war es für sie wichtig, einen jungen, möglichst hochgeborenen Aristokraten ins Ausland zu begleiten, am besten nach Frankreich, das Land des galant homme und des königlichen Hofes in Versailles. Da sie nicht über die notwendigen Mittel verfügten, sich ins Ausland zu begeben, verschaffte ihnen eine solche Tätigkeit den Zugang zu den Kreisen der europäischen Entscheidungsträger, die sich in Versailles und Paris, dem Zentrum der Mode und der Wissenschaft, trafen. Diese Hofmeister knüpften wertvolle Kontakte, die ihnen oft halfen, höhere Verwaltungsposten in ihrem Land zu erhalten. Aus dem großen Kreis der Hofmeister haben viele eine oder mehrere Reiseberichte geschrieben, die ihnen, bei der steigenden Nachfrage im deutschsprachigen Raum, ein gewisses Zubrot, bei manchen obendrein sogar Ruhm verschaffte. Nemeitz’ Apodemik von 1717 (Séjour de Paris) wurde z.B. bis 1750 viermal neu aufgelegt [21]. Aber neben ihrer Aufgabe als Hauslehrer eines adligen Sprößlings verfolgten zahlreiche Hofmeister ihre eigenen Ziele, und suchten Museen, Bibliotheken, Institute und Universitäten auf, fanden in den Salons Kontakt zu den Halbgöttern der Aufklärung, den französischen Philosophen und Schriftstellern, und verbreiteten über ihre Schriften und späteren Funktionen als Staatsbeamte die Ideen der Aufklärung in die deutsche Gesellschaft, wahrlich ein nicht unerhebliches Ergebnis einer prinzipiell systemerhaltenden Adelsreise.
Frankreichs Monarchie war nicht nur Vorbild des europäischen Adels, das Land selbst war auch Vorbild für die anderen Gesellschaftsschichten Europas, denn Paris galt als das geistige und wissenschaftliche Zentrum Europas. Es zog gebildete Bürger und Intellektuelle wie Schriftsteller (z.B. Herder, usw.), Musiker (z.B. Mozart, usw.), Architekten (z.B. Leonhard Christoph Sturm oder Balthasar Neumann), Ärzte und unzählige Handwerker an. Letztere wußten um den hohen Stand des Kunsthandwerks in der französischen Hauptstadt und kamen mit ausdrücklicher Erlaubnis der verschiedenen Landesherren scharenweise in die französische Hauptstadt, um ihren Beruf zu vervollkommnen. Eine Ausnahme ist zweifellos die erstaunliche Karriere des Kupferstechers Johann Georg Wille, der 1736 aus Hessen nach Paris kam und nicht mehr in seine Heimat zurückkehrte, da er bis zum „graveur du roi“ aufstieg [22]. Aber wieviele verzeichneten einen bedeutenden wirtschaftlichen Erfolg in ihrer Heimat wie der Amsterdamer Schuhmacher Thomas Schellen? Dieser lebte eine zeitlang in Paris und ließ sich später im niederrheinischen Kevelaer nieder, wo er 1784 Sibilla Nielen heiratete. Als die französischen Truppen das linke Rheinufer 1794 besetzten, erhielt Schellen, der französischen Sprache mächtig, den Auftrag, Stiefel für die Soldaten herzustellen. Damit begann der Aufstieg der Schuhindustrie in Kevelaer und in den umliegenden Ortschaften, die im Laufe des 19. Jahrhunderts auf neun Fabriken kam und mehrere Hundert Schuhmacher als Meister, Gesellen und Lehrlinge beschäftigte [23]. Diese Geschichte erfahren wir aus der mündlichen Überlieferung der Nachfahren, denn Schellen gehört in den Kreis der nichtschriftlichen Bevölkerung.
Die bürgerlichen Bildungsreisen haben dagegen sehr viele schriftliche Zeugnisse hinterlassen, allein etwa 5000 bis 6000 im 18. Jahrhundert. Frankreich und seine hegemoniale Kultur stieß verständlicherweise auf reges Interesse von seiten der deutschen Leserschaft. Das neohumanistische Reiseideal der Aufklärung resümiert Ernst Posselt in seiner Apodemik 1795 mit dem Postulat der Erziehung des Menschen zum Menschen [24]. Der Reisende hat sich für alle Begebenheiten im Gastland zu interessieren. Deshalb besucht der Leibarzt des Herzogs von Sachsen-Gotha, Johann Friedrich Carl Grimm, auf seiner 1773 unternommenen Reise nach Frankreich und England in Paris nicht nur die einschlägigen Sehenswürdigkeiten, sondern auch nahezu alle Hospitäler, Armen- und Arbeitshäuser wie auch einige Gefängnisse [25]. Selbst der als Graf Falkenstein inkognito reisende Joseph II. besuchte 1777 solche Einrichtungen, ebenso Manufakturen, sowie die berühmte Taubstummenschule des Abbé de l’Épée, der er ausserdem eine stattliche Summe schenkte. Er war von dieser Schule so angetan, dass er seinem Schwager Ludwig XVI. empfahl, sie zu besichtigen; ausserdem plante er, einen Arzt als Beobachter nach Paris zu schicken, um eine solche Schule auch in Wien einzurichten [26]. Man sieht, dass sich die Zeiten geändert hatten. Selbst hohe Aristokraten wie Joseph II unternahmen eine Bildungsreise im Sinne der bürgerlichen Aufklärung, um sich zu informieren und um die Verhältnisse im eigenen Land zu verbessern.
Frankreich und besonders Paris hatten für jeden Geschmack etwas zu bieten: die Oper, die Theater, die von den Reisenden kritisierten Vergnügungshäuser am Montmartre - die sie dennoch aufsuchten! -, die Bastille, die nur hohen Gästen ausnahmsweise zur Besichtigung geöffnet wurde, das Hôtel des Invalides, das Maison des enfants trouvés, die verschiedenen Akademien der Wissenschaften und Künste, die Sorbonne, die Bibliothèque royale, der Jardin royal, der Jardin des Plantes, der Louvre, Notre-Dame und alle anderen großen Kirchen, u.v.a.m. Paris gilt bei den deutschen Reisenden aller Schichten als «Mittelpunkt der ganzen Welt» und als «Quelle, aus welcher guter Geschmack, Ton, Mode und Sprache sich über alle Reiche verbreitet», wie Günderrode 1783 schreiben konnte, ohne dabei großen Widerspruch zu verursachen [27].
Mit 1789 und dem Beginn der Französischen Revolution beginnt eine neue Phase in den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland. Kein Ereignis hat die deutschen Bildungsschichten so erfaßt und begeistert wie die Französische Revolution. Paris wurde zum „Mekka der Freiheit“, auf das eine wahre Flut von deutschen „Freiheitspilgern“ hinzuströmte. Aufgeklärte Adlige wie z.B. der junge Wilhelm von Humboldt unter Begleitung des aufklärerischen Reformpädagogen Joachim Heinrich Campe, sowie unzählige bürgerliche Intellektuelle reisen sogleich nach Paris, um Zeugen des als Weltereignis erkannten Umsturzes zu sein, oder um, wie es Campe prosaischer ausdrückte, dem «Leichenbegängniß des französischen Despotismus beizuwohnen» [28]. Waren die deutschen Reisebeschreibungen bisher bereits sehr zahlreich und immer auflagenstärker, so setzte nun eine wahre Flutwelle an Büchern über die Pariser Ereignisse ein, wozu nun auch eine Unzahl an Artikeln in allen deutschen Zeitschriften, deren Zahl buchstäblich explodierte, hinzukam. Viele Reden der französischen Revolutionäre wurden sogleich übersetzt und allerorts in Deutschland verbreitet [29]. Der Ton und Stil der Schriften änderte sich radikal, vom bürgerlich-philosophischen zum radikal-politischen. Ausserdem konnten die Deutschen niemals soviel über Frankreich erfahren wie seit 1789. Ferner tritt ein vollkommen neuer Akteur in den Vordergrund und spielt für einige Jahre die Hauptrolle in den deutschen Schriften; es handelt sich um das französische, bzw. Pariser Volk, das in den Reisebeschreibungen bisher vollkommen ausgeblendet war. Von nun an beginnt die Begegnung der Deutschen mit einer in Frankreich plötzlich entstehenden demokratischen Kultur, die von den Publizisten einem breitem Publikum in einem nie gekannten Ausmaß näher gebracht wird. Neue Personen geraten in den Kreis der Frankreichreisenden, und zwar gezwungenermaßen, nämlich die aus politischen Motiven geflohenen deutschen Republikaner, Demokraten und Jakobiner, wie z.B. der Mainzer Anton Joseph Dorsch und zahlreiche andere Mainzer Kublisten, der Bonner Eulogius Schneider, u.v.a.m., die eine lange unterschätzte Rolle in Paris und später in den von Frankreich besetzten linksrheinischen Gebieten spielen werden. H.A.O. Reichard, ebenfalls politischer Flüchtling in Paris, nannte diese neuen Akteure emigrierte Exilanten [30], deren Zahl nach 1815 in Frankreich und vor allem in Paris enorm anstieg. In diesen Kreisen befanden sich viele engagierte Literaten und Demokraten, wie z.B. Heinrich Heine, Ludwig Börne, Jakob Venedey, Moritz Hartmann, die ihre Aufgabe als Mittler zwischen Frankreich und Deutschland ansahen und daher in beiden Ländern publizistisch sehr aktiv waren. Ferner gerieten ins revolutionäre Frankreich, wenn auch ungewollt, viele deutsche Deserteure und Kriegsgefangene, die uns alle unbekannt bleiben. Eine glückliche Ausnahme bildet der Pfälzer Friedrich Christian Laukhard, der dem deutschen Leser seine unglaubliche Geschichte als preußischer Soldat und Gefangener in Frankreich (1792-1795) spannend beschrieben hat. Von den deutschen, vor allem rheinischen Soldaten habe ich bereits anfangs gesprochen. Diese haben seit 1802 unter Napoleon gedient und nach ihrer Rückkehr, wie viele der Kriegsgefangenen und Deserteure, ihre oft schlimmen, manchmal auch schönen, aber immer außergewöhnlichen Abenteuer ihren Familienangehörigen, Verwandten und Nachbarn geschildert. Wie viele dieser Veteranen ihre Erinnerungen auch schriftlich niedergelegt haben, weiß man nicht. Aber die wenigen, bis zu uns gelangten Schriften führen uns in die Welt der napoleonischen Kriege und der Untaten, die von den Pfälzern Philipp Guth und besonders Jakob Klaus oft bis ins letzte Detail beschrieben werden. Hier eröffnet sich ein höchst interessantes Forschungsfeld, das weit über die Grenzen der bisher beschriebenen Reiseliteratur hinausreicht, und dennoch einen wichtigen Teil der deutsch-französischen Beziehungen darstellt.
Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der deutschen Reisebeschreibungen über Frankreich kaum ab, viele behielten ihren sozial und politisch motivierten Stil bei, da sie aus der Feder der soeben erwähnten politischen Flüchtlinge stammten. Ihr Anteil am Bild Frankreichs unter der deutschen Bevölkerung ist sicherlich nicht unerheblich. Aber seit der Französischen Revolution entsteht auch auf deutscher Seite ein Nationalbewußtsein, das während des 19. Jahrhunderts immer größere Gesellschaftskreise erfassen wird. Gab es bereits vor 1789 einige Stimmen, die die Vormachtstellung der französisichen Kultur in Frage stellten, wie z.B. Th. Berger bereits 1734 oder Herder auf seiner Frankreichreise im Jahre 1769 [31], so beschleunigte sich diese Einstellung nach 1789 gerade in Reaktion gegen die Revolution und deren Auswüchse. Selbst deutsche Jakobiner wie Georg Forster befanden, nachdem sie die Terreur und die blutigen Intrigen in Paris aus nächster Nähe gesehen hatten, dass die Franzosen der Revolution nicht würdig seien, und teilten die Meinung Friedrich Schillers und anderer Schriftsteller, die nur einem gebildeten, zivilisierten Volk die politische Freiheit zusprachen. Mit der Auffassung, das deutsche Volk sei reifer als das französische, förderten sie die Geburt eines deutschen Nationalbewußtsein, ebenso wie die konservativen Publizisten und Schriftsteller, die allerdings andere Ziele verfolgten. Mit der Kritik an der Französischen Revolution gemahnten sie das Volk zur Beibehaltung des geordneten Ständestaats. Die Besonderheit der deutschen Geschichte nach 1815 besteht u.a. darin, dass die demokratischen Bewegungen schwach blieben, schließlich verstummten, während die konservativen, schließlich reaktionären Kräfte die Geschicke des Landes bestimmten. Diesen blieb Frankreich ein Greuel. Noch 1954 sprach ein Redner von dem «Gift der Französischen Revolution» in der Frankfurter Paulskirche vor einer Versammlung Schlesischer Flüchtlinge [32].
Wie war nun der Blick der französischen Reisenden auf ihre deutschen Nachbarn? Meine Ausführungen müssen zwangsläufig kürzer ausfallen, da Franzosen wesentlich weniger als Deutsche ins Ausland reisten - Archenholtz spricht 1785 von einigen tausend deutschen Frankreichreisenden [33]. Dieser Unterschied hat sich übrigens bis heute kaum geändert. Welche Gründe können dafür aber ausgemacht werden?
Dass Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert als Modell in Europa angesehen wurde, hatte weitreichende Folgen, zumal es selbst von seiner Mission als Weltmacht und Kulturnation zutiefst überzeugt war. Die französische Sprache galt als Universalsprache, wie es Rivarol (1753-1801) in seiner berühmten Abhandlung „De l’universalité de la langue française“ (Über die Universalität der französischen Sprache) 1784 ohne Komplexe behaupten konnte. Diese Schrift wurde von der Berliner Akademie der Wissenschaften preisgekrönt, die ja selbst mit der Auswahl des Themas die Universalität der französischen Sprache explizit anerkannte und den sprachlichen Zustand Europas als „monde français“ ansah [34]. Französisch wurde an allen Höfen Europas gepflegt, ein Adliger mußte sie beherrschen. Diese Tatsache erklärt auch, dass Frankreich seinen „Sonderweg“ einschlug und schon früh ein Nationalbewußtsein entwickelte; ich übertreibe absichtlich mit der Feststellung, dass dieses Land autistisch wurde. Auf jeden Fall lebte es seitdem, was nicht selten bis heute noch spürbar ist, politisch und kulturell egozentrisch, mit einem schwachen, wenn nicht sogar fehlenden Blick auf den anderen, den Nachbarländern in Europa. Wenn heute in internationalen Gremien die „exception culturelle française“, die kulturelle Besonderheit Frankreichs, von französischen Politikern heraufbeschwört wird, dann trauern sie nicht allein der Grande Nation hinterher, sondern stehen auch in der Tradition Rivarols, bzw. Ludwigs XIV. und seiner Vorgänger des Frühabsolutismus. Das Frankreich des 18. Jahrhunderts war autistisch, sagte ich provokativ. Diese Aussage hilft uns zu verstehen, weshalb es weitaus weniger Franzosen gab, die ins benachbarte Ausland reisten, und noch weniger in die kleinen Staaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dessen Kultur einfach als minderwertig betrachtet wurde. Es reicht, die Briefe und Schriften der französischen Emigranten nach 1789 zu lesen, um das Ausmaß der Unkenntnis über die andere, als barbarisch verachtete Kultur, besser gesagt: Nicht-Kultur zu verstehen. Dieses Verhalten ist nicht verwunderlich, da sie sich als die Vertreter der wahren, allgemein bewunderten Zivilisation und Kultur in Europa betrachteten. Ihr herrisches Verhalten im Gastgeberland blieb nicht folgenlos. Zum ersten Mal erschienen nämlich anti-französische Schriften in den deutschen Zeitungen, die das skandalöse Beispiel der französischen Aristokraten benutzten, um die französische Kultur allgemein zu kritisieren unter Hervorhebung der deutschen Kultur und des gesunden „Volksgeistes“. Hier stehen wir vielleicht vor der Geburtsstunde der konservativen Propaganda in Deutschland, die mit den Mitteln der revolutionären Propaganda Frankreichs in Erscheinung tritt.
Das Desinteresse gegenüber dem Ausland schlug sich auch in der französischen Reiseliteratur nieder. Zwar wurden zahlreiche Bücher über die fernen Länder anderer Kontinente veröffentlicht, was in einem Land mit zahlreichen überseeischen Kolonien nicht erstaunt. Ebenso erschienen nicht wenige Berichte über die verschiedenen Regionen Frankreichs, mit dem Ergebnis, dass dem Publikum die Geographie und die Grenzen seines Landes allmählich vertrauter wurde. Unzweifelhaft förderten diese Schriften frühzeitig die Herausbildung einer nationalen Identität, aber gleichzeitig den Hang zur politisch-kulturellen Egozentrik. Die Franzosen entdeckten ihr eigenes Land, wie man bei französischen Historikern lesen kann [35], und vernachlässigten den Blick auf die europäischen Nachbarländer. Die Rheinfrage oder besser: die beharrlich betriebene Ausdehnung des französischen Territoriums bis zum Rhein während des 17. (Elsaß) und 18. Jahrhunderts (Lothringen, 1766) veranschaulicht exemplarisch die enge Verbindung zwischen der Besitznahme kulturell fremder Randgebiete und der wachsenden Identifizierung mit dem Staat [36].
So existieren nur sehr wenige französische Reiseberichte über die verschiedenen deutschen Gebiete und Staaten aus der Zeit vor 1789. Mirabeau’s umfangreiche Untersuchnung über die preußische Monarchie, Ergebnis seines Aufenthaltes im Jahre 1786, bildet eine seltene Ausnahme [37]. Er hatte das Pech, dass sich die politischen Ereignisse in Frankreich nach der Veröffentlichung seines Buches überstürzten und kaum ein Leser seine Beobachtungen mehr wahrnahm. Das französische Publikum blieb folglich in totaler Unkenntnis über die deutschen Staaten, nicht aber die französische Monarchie. Diese interessierte sich sehr wohl für die östlichen Nachbarn, und zwar ununterbrochen seit dem 15. Jahrhundert, da Frankreich sich von der Umklammerung durch die habsburgischen Territorien existentiell bedroht fühlte. Aus diesem Grunde gibt es eine Unzahl an Gesandtschaftsberichten über verschiedene deutsche Staaten. Im 17. und vor allem im 18. Jahrhundert häufen sich die Untersuchungen und vorstatistischen Erhebungen nach militärischen und geopolitischen Aspekten, die uns oft wegen ihrer Präzision in Staunen versetzt. Die umfangreichste und unglaublich minutiöse Enquête wurde schließlich auf Napoleons Befehl von 1803 bis 1813 durchgeführt. Unter der Leitung Tranchots kartographierte eine Mannschaft gut ausgebildeter Ingenieure und Geographen die gesamten Rheinlande und erstellten gleichzeitig eine eindrucksvolle statistische Enquête, in der jede Mairie und jeder Kanton nach dem gleichen Prinzip und nach einem umfangreichen Fragenkatalog über Klima, Gewerbe, Ernährung, Ackerbau, Bevölkerung, usw. vorgestellt wurde. Bei einigen deutschen Reisebeschreibungen nach 1800, wie die von Fischer auf seiner Reise nach Montpllier (1805) finden wir ebenfalls einen riesigen Schwall an Informationen aller Art. Diese Schriften wirken wie Kompendien, die in jener Zeit als „medizinische Topographien“ zahlreich erschienen, denn man wollte möglichst alles über eine Stadt oder ein Gebiet in Erfahrung bringen.
Mit dieser französischen Enquête und ihren Vorläufern aus dem 18. Jahrhundert können wir das ungünstige deutsch-französische Gefälle verringern, auch wenn wir auf eine im Wesen verschiedene Quelle zurückgreifen. Aber auch hier erkennen wir den Blick des einen auf den anderen, wobei die Beobachtung der französischen Geographen sich oft wie eine Reisebeschreibung liest. Nicht selten stößt man allerdings auf die französische Überheblichkeit, vor allem, wenn die Geographen sich über die Ernährung der Rheinländer auslassen. Wie kann man auch nur Schwarzbrot essen, oder gebrühten Kohl, oder den Kartoffelschnaps trinken?
Eine grundlegende Änderung des Deutschlandbildes in Frankreich tritt erst mit dem Buch Mme de Staëls De l’Allemagne ein, das 1810 wegen napoleonischer Zensur in England erscheint. Zum ersten Mal wurden die in Frankreich tief sitzenden Vorurteile über den unkultivierten Deutschen revidiert. Da Mme de Staël als Emigrantin lange Jahre in Deutschland gelebt und zahlreiche Kontakte mit den Schriftstellern der deutschen Klassik (z.B. Goethe, Schiller, usw.) geknüpft hatte, gelang es ihr, ein vorurteilsloses Buch über die deutsche Kultur zu verfassen; die noch heute bewunderte Klassik und die junge Romantik standen damals in ihrer vollen Blüte. Ihr Buch löste eine Welle von positivem Interesse an der deutschen Klassik und Romantik in Frankreich aus. In der Folgezeit entdecken die französischen Intellektuellen das bisher unbekannte Land. Schriftsteller wie Edgar Quinet oder Victor Hugo reisten ihrerseits nach Deutschland, vor allem an den Rhein, der für sie französisch zu sein hatte (Rheinfrage!), und publizierten Artikel und Bücher über ihre Reisen, in denen die französische Leserschaft zum ersten Mal von Deutschland erfuhr. Es ist festzuhalten, dass in den nächsten Jahrzehnten bis etwa 1870 ein enger Kulturaustausch zwischen Frankreich und Deutschland stattfand. Zum ersten Mal akzeptierte Frankreich, dass das deutsche Ausland Kulturgüter besitzt, von dem es auch profitieren konnte. Allein, diese schüchterne Brautzeit war nur von kurzer Dauer, denn dunkle Wolken hatten sich in der Politik zusammengebraut. Diese entluden sich 1870, 1914 und 1939. Damit wurden die alten kulturellen Mißverständnisse und Vorurteile zwischen Deutschland und Frankreich auf ein Neues vertieft.
Prof. Dr. Dr.c.e. Josef Smets
Fußnoten:
[1] Vgl. Historical Social Research, vol. 24, 1999, No. 3. Wolfgang Hardtwig, Hans-Ulrich Wehler (Hgg.), Kulturgeschichte Heute, Göttingen, 1996. Wolfgang Hardtwig, Wege zur Kulturgeschichte, Göttingen, 1997. Thomas Mergel, Thomas Welskopp (Hgg.), Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte, München, 1997. Hans-Ulrich Wehler, Die Herausforderung der Kulturgeschichte, München, 1998. Martina Kessel, Christoph Conrad (Hgg.), Kultur & Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung, Leipzig, 1998.
[2] Vgl. Franz Irsigler, Arnold Lassotta, Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt, München, 1989. Michel Mollat, Les pauvres au Moyen Âge, Paris, 1978. Bronislaw Geremek, Truands et misérables dans l’Europe moderne (1350-1600), Paris, 1980. Jean-Pierre Gutton, La société des pauvres en Europe (XVIe-XVIIIe siècles), Paris, 1974. Arlette Farge, Vivre dans la rue à Paris au XVIIIe siècle, Paris, 1979.
[3] Vgl. Gérard Bouchard, Le village immobile, 1972.
[4] Vgl. Josef Smets, Von „Dorfidylle“ zur preußischen Nation. Sozialdisziplinierung der Rheinländer durch die Franzosen am Beispiel der allgemeinen Wehrpflicht (1802-1814)?, in: Historische Zeitschrift, 1996, S. 695-738.
[5] Vgl. Wolfgang Griep ***
[6] Arthour Young, Travels in France, London, 1792. Johann Georg Fisch kam nach Südfrankreich in den Jahren 1786-1788. Es gibt erstaunlicherweise drei Versionen seines Aufenthaltes. Bericht über die südlichen Provinzen von Frankreich auf einer Reise durch das Delphinat, Languedock, Rouergue, die Provence und dem Komtat Venaissin, Zürich, 1790; Johann Georg Fisch’s Briefe über die südlichen Provinzen von Frankreich, Zürich, 1790; Reise durch die südlichen Provinzen von Frankreich kurz vor dem Ausbruche der Revolution, 2 Bde, Zürich 1792, 21795. Zu Fisch, s. Richard Parisot, Le récit de voyage de Johann Georg Fisch - Un élève prédicant suisse dans le Midi de la France à la veille de la Révolution française, thèse de doctorat d’études germaniques, Besançon 1997.
[7] H. de Balzac, Les paysans. G. Sand, La mare au diable.
[8] Christian August Fischer, Reise nach Montpellier im Fruehjahre 1804, Leipzig 1805. Moritz Hartmann, Tagebuch aus Languedoc und Provence, 2 Bde, Darmstadt 1853.
[9] Vgl. Alain Ruiz, Une famille huguenote du Brandebourg au XVIIIe siècle: les Théremin, dans: Revue d’Allemagne, t. 14, n° 2, 1982, S. 217-228; ders., Le retour au „pays des ancêtres“ en 1795 du huguenot Charles-Guillaume Théremin, diplomate prussien, puis citoyen français, in: Cahiers d’études germaniques, t.13, 1987, S. 73-83; ders., Ch.G.Théremin, in: H.Reinalter, A.Kuhn, A.Ruiz, Biographisches Lexikon zur Geschichte der demokratischen und liberalen Bewegungen in Mitteleuropa, Bd.1 (1770-1800), Frankfurt, Bern, New York, Paris, 1982, S. 119-120.
[10] Vgl. Michèle Magdelaine, ***
[11] Vgl. Philippe Joutard, La légende des Camisards. Une sensibilité au passé, Paris 1977.
[12] Vgl. Philippe Joutard, Jacques Poujol, Patrick Cabanel, Cévennes, terre de refuge, 1940-1944, Montpellier, 1987 (3e édition, 1995). Evelyne et Yvan Bres, Un maquis d’anti-fascistes allemands en France, 1942-1944, Montpellier, 1987.
[13] Vgl. Robert Prutz, Über Reisen und Reiseliteratur der Deutschen, in: Schriften zur Literatur und Politik, hrsg. v. Bernd Hüppauf, Tübingen 1973, S. 44 ff. Der Autor bezeichnet die Reiseliteratur als „Klatschliteratur“ und selbst als „Auskehricht der gesamten Literatur“. Zitiert von Sabine Diezinger, Paris in deutschen Reisebeschreibungen des 18. Jahrhunderts (bis 1789), in: FRANCIA, 1986, S. 263-329, hier S. 263.
[14] Anonym, Ueber das Reisen (...), in: Der Teutsche Merkur, Jg. 1784, H. 11, S. 151-160, hier S. 151.
[15] Vgl. Wolfgang Griep, Reiseliteratur im 18. Jahrhundert, in: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Bd.3, Munich, 1980, S. 739-764, hier S. 739.
[16] Vgl. Rainer S. Elkar, Reisen bildet. Überlegungen zur Sozial- und Bildungsgeschichte des Reisens während des 18. und 19. Jahrhunderts, in: B.I.Krasnobaev, Gert Robel, Herbert Zeman (Hrsg.), Reisen und Reisebeschreibungen im 18. Jahrhundert als Quellen der Kulturbeziehungsforschung, Berlin, 1980, S. 51-82, hier S. 54.
[17] Vgl. August Ludwig Schlözer, Entwurf zu einem Reisecollegio, Göttingen 1771, Einleitung, zitiert von Rainer S. Elkar, ibid., S. 54
[18] Joachim Christoph Nemeitz, Séjour de Paris, Oder getreu Anleitung, Welchergestalt Reisende von Condition sich zu verhalten haben, wenn sie ihre Zeit und Geld nützlich und wohl zu Paris anwenden wollen [...], Franckfurth am Mayn 1717, S. 360, 362. Wenn Schlözer (1771) 4000 Reichstaler im Jahr veranschlagt, so galten sie für ein bürgerliches Publikum mit einem wesentlich bescheideneren Reisestil.
[19] Vgl. A.L. Schlözer, 1771, S. 10, zietiert in S. Diezinger, 1986, S. 271.
[20] Vgl. Norbert Conrads, Ritterakademien in der frühen Neuzeit. Bildung als Standesprivileg im 16. und 17. Jahrhundert, Göttingen 1982. Jean Boutier, Le ‘Grand Tour’ des gentilshommes et les académies d’éducation pour la noblesse en France, Italie, Empire (XVIe-XVIIIe siècles), communication au colloque „Grand Tour“, organisé par W.Paravicini, Villa Vigoni, 19 - 20 novembre 1999.
[21] Weitere Apodemiken: Anonym, Die rechte Reise-Kunst, Oder Anleitung, wie eine Reise mit Nutzen in die Frembde, absonderlich in Franckreich anzustellen, Franckfurth 1674. Kritisch gegenüber das frankophile Reiseverhalten des deutschen Adels, Th. Berger, Vor-Urtheile der Deutschen Bey Antretung ihrer Reisen In auswärtige Lande, und besonders nach Frankreich [...], Franckfurth am Mayn 1734.
[22] Vgl. Thomas Grosser, Reisen und Kulturtransfer. Deutsche Frankreichreisende 1650-1850, in: Les relations interculturelles dans l’espace franco-allemand (XVIIe-XIXe siècle), textes réunis et présentés par Michel Espagne et Michael Werner, Paris, 1988, S. 163-228, hier S. 220.
[23] Vgl. Josef Smets, Kevelaer - Gesellschaft und Wirtschaft am Niederrhein im 19. Jahrhundert, Kevelaer 1987, S. 174-175.
[24] Ernst Posselt, Apodemik oder die Kunst zu reisen, 2 Bde., Leipzig 1795.
[25] J.F.C. Grimm, Bemerkungen eines Reisenden durch Deutschland, Frankreich, England und Holland [...}, 3 Bde., Altenburg 1775, zitiert in Th.Grosser, 1988, S. 187.
[26] Anonym, Anthologische Beschreibung der Reise des Herrn Grafen von Falkenstein nach Frankreich 1777, Schwabach o.J. [1778]. Einige Auszüge in M. Goulemot, Paul Lidsky et Didier Masseau, Le voyage en France. Anthologie des voyageurs européens en France, du Moyen Âge à la fin de l’Empire, Paris, 1995, S. 522-527. H.Wagner, Die Reise Josephs II. nach Frankreich 1777 und die Reformen in Österreich, in: Österreich und Europa. Festschrift für H.Hantsch, hrsg. v. Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Wien, S. 221-246. W.May, Reisen „al incognito“. Zur Reisetätigkeit Kaiser Josephs II, dans: MIÖG 93, 1985, S. 59-91. Joseph II visite les manufactures françaises, des villes de commerce, étudie les fortifications dans le but de moderniser son pays. Ce n’est plus un voyage de type purement aristocratique, mais celui d’un caméraliste éclairé.
[27] F.J.v. Günderrode, Beschreibung einer Reise aus Teutschland durch einen Theil von Frankreich, England und Holland, 2 Bde., Breslau 1783, Bd.1, S. 165, zitiert in Th. Grosser, 1988, S. 188.
[28] J.H. Campe, Briefe aus Paris zur Zeit der Revolution geschrieben, Braunschweig 1790.
[29] Vgl. Hans-Jürgen Lüsebrink, ***; Rolf Reichardt, ***
[30] H.A.O. Reichard, Der Passagier auf der Reise [...]. Ein Reisehandbuch für jedermann, Weimar 21803, S. 18.
[31] Th. Berger, Vor-Urtheile der Deutschen Bey Antretung ihrer Reisen In auswärtige Lande, und besonders nach Frankreich [...], Franckfurth am Mayn 1734. Herder, ***
[32] Zitiert in Josef Smets, 1997, S. 1.
[33] J.W.v. Archenholtz, An Herrn Neumann, die Charakteristik Deutschlands und Frankreichs betreffend (1785), in: Ibid., England und Italien, 5 Bde., Carlsruhe 21791, Bd. 5, S. 264-282, hier S. 271.
[34] Die Berliner Akademie der Wissenschaften, nicht zufällig gegründet nach dem Modell der französischen königlichen Akademien, hatte drei Fragen gestellt: 1. Qu’est-ce qui a rendu la langue française universelle? 2. Pourquoi mérite-t-elle cette prérogative? 3. Est-il à présumer qu’elle la conserve?
[35] Vgl. zum Thema des französischen Territoriums als „Ort der Erinnerung“, die Beiträge von Bernard Guenée (Des limites féodales aux frontières politques), Daniel Norman (Des limites d’État aux frontières nationales), Jean-Marie Mayeur (Une mémoire-frontière: l’Alsace), Eugen Weber (L’Hexagone) und Emmanuel Le Roy Ladurie (Nord-Sud), in: Pierre Nora (Hg.), Les lieux de mémoire, Paris, 1986, Bd.2: La Nation.
[36] Zur Rheinfrage, vgl. Josef Smets (wie Anm. 2). Alain Ruiz, ***
[37] Vgl. H.-G. de Mirabeau, De la monarchie prussienne sous Frédéric le Grand, avec un appendice contenant des recherches sur la situation actuelle des principales contrées de l’Allemagne, Londres 1788, 4 vol. in 4°. S. auch Michel Kerautret, Un bilan critique de la Prusse en 1786: La lettre de Mirabeau à Frédéric-Guillaume II, in: FRANCIA, 1986, S. 369-380.
Vincent Van Gogh
Georges Brassens - Ein Troubadour unserer Zeit
Am Tisch eines südfranzösischen Seigneurs
Reiseliteratur
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