Genuss pur am Canal du Midi. Es gibt wohl keine bessere Möglichkeit, Frankreich zu erleben.
Beim Studieren der Reiseunterlagen wird mir etwas mulmig zumute: Eine Radlerhose ist durchaus auch bei älteren Semestern in. Bitte? Der Kommentar meiner Schwägerin fällt mir ein: "Canal du Midi? Mit dem Fahrrad inklusive Gepäcktransport und organisiertem Abendessen? Klingt nach Seniorenreise." Leise Zweifel kommen auf: Hätte es nicht doch - meinem Alter entsprechend - eine Rucksackreise durch Burma werden sollen? Die Tagesetappen der gebuchten Radtour klingen auch nicht sehr nach "jung und dynamisch": 30 bis 50 Kilometer radle ich normalerweise schon vor dem Frühstück.
Zauberwort "France Bike"
Zwei Wochen später. Das Zauberwort "France Bike" erklingt im Schweizer Dialekt. Ich schiele unauffällig zur Restauranttür, wo ein durchtrainiertes Paar um die vierzig steht. Meine Angst, eine Seniorenreise gebucht zu haben, schwindet. Im Gegenteil: Ich habe die perfekte Art gefunden, Frankreich zu erleben: Nämlich langsam, mit dem Fahrrad und ohne dabei auf Luxus verzichten zu müssen.
Venedig des Languedoc
Die sechstägige Radtour entlang des Canal du Midi startet in Sete, liebevoll auch "Venedig des Languedoc" genannt. Wie auf Bestellung findet am "Canal Royal" das traditionelle Schifferstechen statt, bei dem zwei Boote unermüdlich aufeinander zufahren. Wobei jeweils ein Insasse - bewaffnet mit Schild und Lanze - versucht, den Gegner ins Wasser zu stoßen.
Bei Sonnenuntergang vergleichen hungrige Urlauber Speisekarten und Preise der zahlreichen Fischrestaurants entlang der Promenade. Wir hingegen steuern zielsicher den für uns reservierten Tisch in einem der wohl besten Lokale der Stadt an. Nach dem vorzüglichen Essen ist die erste Lektion gelernt: 1. Betrete ein Lokal mit dem Zauberwort "France Bike" auf den Lippen und das Personal liegt Dir zu Füßen. 2. Iss lange nichts, bevor du Dir ein viergängiges Menü in Frankreich einverleibst.
Am nächsten Morgen übergibt uns eine sympathische Tirolerin robuste Tourenräder samt Packtaschen, Kartenmaterial und hilfreichen Tipps für die nächsten Tage. Besonders praktisch: Unser Gepäck wird vormittags jeweils ans nächste Etappenziel gebracht und wartet, wenn wir ankommen, bereits auf unserem Zimmer.
40 Kilometer am Meer entlang
Das erste Ziel ist Cap d'Agde - der größte Yachthafen Europas. Ganz nach dem Motto "Der Weg ist das Ziel" genießen wir die vierzig Kilometer lange Fahrt entlang des Meeres. Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass vierzig Kilometer auf der Wiener Donauinsel kein Vergleich zu der gleichen Kilometeranzahl in Südfrankreich sind. Teils unbefestigte Wege sorgen für gemütliche zehn Stundenkilometer im Durchschnitt und die wunderschöne Gegend zwingt uns, immer wieder vom Rad zu steigen, um die Ein- und Ausblicke mit der Kamera festzuhalten. Unsere zweite Touretappe führt uns endlich an den Canal du Midi, der sich über rund 260 Kilometer und 64 Schleusen gesäumt von Pappeln und jahrhundertealten Platanen durch Weinberge und verträumte Dörfer schlängelt. Nach einer gemütlichen Fahrt entlang des Kanals erreichen wir Béziers. Die Stadt wurde in der Römerzeit gegründet und im Jahr 1209 - als sie eine Hochburg der Katharer war - in den Albigenserkriegen fast vollständig zerstört. Eine neue Blüte erlebte Béziers erst im 18. Jahrhundert, als Pierre-Paul Riquet seine Heimatstadt durch den Canal du Midi mit der Mittelmeerküste und dem Atlantik verband. Sehenswert sind die Kathedrale Saint-Nazaire und die Altstadt, die vom 13. bis zu 16. Jahrhundert nach der Zerstörung neu errichtet wurde. In einer schmalen Seitengasse finden wir den für uns reservierten Tisch im absolut empfehlenswerten Restaurant "Le Cep d`Or", das sich mit einem Michelin Stern rühmen darf. Austernschlürfen, Kabeljau, der auf Zunge zergeht und dazu ein gepflegter Tropfen aus der Region - Gaumen, was willst du mehr?
In der ersten römischen Kolonie außerhalb Italiens, dem heutigen Narbonne folgt eine weitere wichtige Lektion: "Verlasse das Hotel niemals ohne Sprachführer." Dass es sich bei "Pied á porc" nicht um ein vermutetes Scheinshaxl sondern um einen Schweinefuß handelt, stellt mein Mann erst fest, als das Ungetüm vor ihm auf dem Teller liegt. Neben kulinarischen Erlebnissen sorgen auf der Tour auch immer wieder die Schlafstätten für unvergessliche Eindrücke. So verbringen wir die nächste Nacht in einem abgelegenen Chateau - völlig alleine im Westtrakt mit rund 30 Zimmern. Dass in der Nacht kein Schlossgespenst aufgetaucht ist, hat mich richtiggehend gewundert.
Angekommen in der Festungsstadt Carcassonne genießen wir ein letztes Mal die Vorzüge der organisierten Reise, die trotz des Komforts nichts mit den üblichen Pauschalreisen zu tun hat. Der Inhaber Prof. Smets hat es sich zum Ziel gemacht besondere Qualität und höchsten Genuss auf Radreisen anzubieten - und das hat er geschafft. Stellt sich nur die Frage, ob es nächstes Jahr "Provence de Luxe" oder "Roussillon-Mittelmeer" werden soll.
France Bike
Nicht Masse, sondern Klasse, ist das Motto des Unternehmens, das von Frankreich Profi Professor Josef Smets gegründet wurde. France Bike organisiert Kultur/Genuss/Radreisen in Frankreich sowie am deutsch-holländischen Niederrhein. Je nach Vorliebe reist man individuell oder in geführten Gruppentouren. Neben dem Kennenlernen der Regionen stehen auch exquisite Restaurants, luxuriöse Hotels und guter Wein im Mittelpunkt.
Languedoc-Roussillon
Die Region liegt in Südfrankreich und teilt sich zusammen mit der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur (im Osten) die französische Mittelmeerküste. Im Süden grenzt Languedoc-Roussillon an Spanien und Andorra und im Norden an die Auvergne. Die nord-östliche Nachbarregion ist Rhône-Alpes. Dank der breiten Sandstrände, des mediterranen Klimas und dem vielseitigen Hinterland ist die Region vor allem bei den Franzosen ein sehr beliebtes Reiseziel. Die Region um die Hauptstadt Montpellier ist das demographisch am schnellsten wachsende Gebiet Europas.
Tipp
Wer mehr als eine Woche Zeit hat, kann die Radtour sehr gut mit einem Aufenthalt im nahe gelegenen Montpellier verbringen. Auch Paris ist mit dem TGV in dreieinhalb Stunden erreichbar.
Oktober 2006 / Else Drews

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