
Anders als die Deutschen hatten die Franzosen schon immer ein äußerst herzliches, ja nahezu intimes Verhältnis zu ihren Schriftstellern, Kunstlern, Dichtern und Sängern. Selbst unzählige, bescheidene Menschen aus dem Volk sind durchaus in der Lage, die großen Texte der französischen Literatur daherzusagen; dies ist nicht "Voltaires Schuld" (ça n'est pas la faute à Voltaire), sondern dem Fleiß der "republikanischen Priester", sprich: den stolzen und patriotischen Volksschullehrern zu verdanken. Besonders populär ist vor allem ein Dichter und Sänger, dessen Lieder und Texte fast jedem Nord- und Südfranzosen geläufig sind: Georges Brassens. Als er starb, trauerte die ganze Nation. Das erinnerte mich an die stille Trauer, die die französischen Großväter zutage legten, als sie Victor Hugo (1802 - 1885) im Jahre 1885 zu hunderttausenden in Paris das letzte Geleit gaben. Daraus ist damals ein Artikel entstanden, der in einer deutschen Zeitung 1981 erschien.
Ein Troubadour unserer Zeit: zum Tode des französischen Chansonniers Georges Brassens
Samstag, den 31. Oktober 1981, acht Uhr morgens auf dem ehemaligen Armenfriedhof von Sète-Centre, dem "Cimetière des Pies". Die herbstliche Morgenfrische weicht allmählich der Wärme der aufsteigenden Sonne am südfranzösischen Himmel. Eine kleine Menschenmenge schaut zu, wie ein schlichter Sarg in eine Familiengruft hineingehoben wird. Keine lange Ansprachen, kein Priester, kein Gebet, keine Blumen und keine Kränze. In fünf Minuten ist alles vorbei. Auf der Gruftplatte steht: Famille Brassens-Dagrosa. Georges Brassens wurde seinem Wunsch gemäß auf diesem einfachen Friedhof beigesetzt und nicht, wie zum Beispiel sein großer Dichter-Kollege Paul Valéry (1871 - 1945), auf dem noblen Friedhof St. Clair, dem "Cimetière Marin", von wo die Toten einen grandiosen Blick aufs Mittelmeer für die Ewigkeit genießen. Diese Ehre wollte er sich nicht antun, wie er bereits in seinem berühmten Testament schrieb: dem Lied "Bittschrift, um auf dem Strand von Sète beerdigt zu werden". Georges Brassens ist aus dem Leben gegangen in der Art, in der er von der Bühne zu gehen pflegte - schnell und ohne viel Aufhebens, gleich seinem "Pauvre Martin" im gleichnamigen Lied, der auch schnell machte, "indem er sich versteckte und sich wortlos flachlegte. Um ja nicht die Leute zu stören".
Es ist schon sonderbar: Ähnlich wie sein jüngerer, ebenso beliebter Freund und Kollege Jacques Brel, der auf den Îles Marquises 49jährig im Jahre 1978 an Krebs starb, zog sich auch Georges Brassens in diesem Sommer endgültig nach Sète (und St. Gély du Fesc) zurück, um auf den unvermeidlichen Tod zu warten, gepeinigt von einem Krebsleiden. Der Tod, eines der Hauptthemen seiner Dichtung, ereilte ihn als 60jährigen, ein Alter, in dem er den Franzosen noch viel in seiner unvergleichlichen Art zu sagen hatte.
Wie soll man diesen Mann vorstellen, der immer Außenseiter im französischen Kulturleben geblieben ist? Er wurde am 22. Oktober 1921 in Sète geboren und war folglich zunächst einmal Südfranzose, und zwar mit dem entsprechenden Akzent, den er auch selbstbewusst in seinen Liedern beibehielt. Im Februar 1940 zieht er nach Paris und arbeitet als Dreher bei Renault. Zur gleichen Zeit wird er Mitglied in der "Fédération Anarchiste". Im September 1940, kurz nach der Besetzung Paris' durch die deutsche Wehrmacht, veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband "A la Venvole". Das Jahr 1943 verbringt er als Zwangsarbeiter in Deutschland, aus dem er 1944 flieht, um sich bei Freunden in Paris zu verstecken. Dies sind Marcel und Jeanne Blanche. Jeanne wurde außerdem später in den Liedern "La Cane de Jeanne" (Die Ente von Jeanne) und "Chez Jeanne" (Bei Jeanne) beschrieben als Archetypus für Großzügigkeit und Toleranz, da sie ihn über viele Monate beherbergten.
Die Karriere von Georges Brassens beginnt im Jahre 1952
...als der Sänger Jacques Grelle ihn entdeckt und ihn Patachou vorstellt, der damals eine Kneipe in Paris hat. Georges Brassens wird gleich berühmt und vom Publikum geliebt, gerade wegen seines ungewöhnlichen Gesangs, wegen der bewussten Verwendung "unsauberer" Wörter, wegen seiner mittelalterlich anmutenden Texte und schließlich wegen der Wahl seiner Themen, die er während seines ganzen Lebens nicht ändern wird. "La mauvaise réputation" (Der schlechte Ruf) und "Le Gorille" (Der Gorilla) eröffnen seine ungewöhnliche Karriere. Auf sie folgen viele andere, ebenso populäre Lieder.
Georges Brassens schrieb insgesamt 140 Lieder, die er regelmäßig im Kulturtempel Frankreichs, dem Pariser "Olympia", vortrug. Um sich dem Rampenlicht des Showbusiness nicht allzu sehr auszusetzen, zog er es jedoch vor, in kleineren Theatern, vor allem im "Bobino" zu singen, in dem er auch zum letzten Mal von Oktober 1976 bis März 1977 auftrat. Zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt mehr als 20 Millionen Langspielplatten von ihm verkauft. Ehrungen erhielt er von Seiten der noblen Institution der Académie Française. Sie verlieh dem Dichter und Komponisten Georges Brassens den Großen Preis für Dichtung im Jahre 1967. Schon zu seinen Lebzeiten erfuhr sein Werk Beachtung in Form von Dissertationen und literaturwissenschaftlichen Arbeiten. Viele seiner Gedichte findet man in den Schulbüchern - ebenso wie jene Jacques Brels oder Jacques Préverts (1900 - 1977). Das ist halt Frankreichs Art, seine Künstler sehr früh zu würdigen.
Dennoch geht die Wertschätzung seines Schaffens viel weiter. Er beeinflusste die nachfolgende Sänger- und Dichtergenerationen (auch Franz-Josef Degenhard in der Bundesrepublick), obwohl sie nicht in seinem unvergleichlichen Stil fortfuhren. Mitte der 60er Jahre verhalf er der Sängerin Barbara zum Ruhm. 1972 stellt er den jungen Maxime Le Forestier in seinem Programm vor. Dies ist halt französische Sitte, nach der junge Künstler von den Großen in den Sattel gehoben werden.
Trotz seines Ruhmes blieb Georges immer einfach und diskret. Die Themen seiner Lieder nehmen für sich nicht in Anspruch, weltbewegend zu sein, sondern zielen auf alle Bereiche des alltäglichen und intimen Lebens des Menschen. Dabei bedient er sich sämtlicher Stilmittel (Ironie, Spott, Melancholie, usw.) und feingeschmiedeter Wortspiele, die selbst einem achtsamen Franzosen leicht entgehen können. Folglich darf laut Brassens die Musik nur den Texten dienen, weshalb sie in den Liedern des Dichters wiederum äußerst kompliziert wird und sicherlich manchem jungen Sänger, der Brassens-Lieder interpretieren wollte, einige Mühe bereitet hat. Und dann: Welch ein sprachlicher Reichtum in seinen Texten, die jeden Zuhörer ins seinen Bann ziehen! Er bedient sich häufig veralteter, nahezu verschwundener Wörter aus dem Französischen oder aus der bisher von der Literatur verschmähten Gaunersprache, dem Argot. Somit steht er in der Reihe der in ihrer Zeit ungeliebten Meister François Villon (1431/32 - 1463?) oder Paul Léautaud (1872 - 1956). Auch die Art seines Gesangs ist unnachahmlich. Seine raue Stimme hat Schwierigkeiten, die verschiedenen Tonlagen einzuhalten. Schließlich erlaubt er sich noch - entgegen sämtlicher Harmoniegrundsätze der schönen alten französischen Dichtkunst -, Wörter in den Texten auseinander zu reißen und auf bisher unbedeutende Silben den Hauptakzent zu legen. Ob er die Liebe unter allen Gesichtspunkten und Positionen beschreibt oder den tief sitzenden französischen Militarismus (Napoleon lässt grüßen!) verspottet ("La Guerre de 14/18") - immer legt er die Hand auf den wunden Punkt französischer Vorurteile, Mythen und Tabus.
Mit dem Tod von Georges Brassens erlischt gleichfalls eine einzigartige Gattung einer Lieddichtung, die häufig an jene der reichhaltigen südfranzösischen Troubadour-Lyrik des 12 Jahrhunderts erinnert. Dieser moderne Troubadour griff die damals entwickelte kunstreiche Verbindung zwischen Texte und Musik wieder auf und brachte sie im 20. Jahrhundert erneut auf den höchsten künstlerischen Stand. Wohl nicht zuletzt wegen der äußersten Perfektion seiner Dicht- und Liedform fand Georges Brassens keine Nachahmer, nur Bewunderer. Dabei war es niemals Bewunderung, die dieser stets bescheidene Sänger in seinem Leben bei seinen Mitmenschen gesucht hat.
Prof. Dr. Dr.c.e. Josef Smets
Vincent Van Gogh
Georges Brassens - Ein Troubadour unserer Zeit
Am Tisch eines südfranzösischen Seigneurs
Reiseliteratur
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